Kaffee beginnt nicht bei der Bohne
Wenn wir an Kaffee denken, denken wir an Bohnen. Eigentlich seltsam, denn am Kaffeebaum wächst keine braune Bohne, sondern eine Frucht: die Kaffeekirsche. In ihrem Inneren liegen die Kerne, aus denen später Kaffee wird. Rundherum befinden sich Fruchtfleisch und Schale. Genau dieser Teil heißt getrocknet Cascara – und für mich ist er fast spannender als die Bohne selbst.
Was normalerweise übrig bleibt
Bei der Kaffeeaufbereitung geht es vor allem darum, an die Kerne zu kommen. Die Kaffeekirsche wird getrocknet oder vom Fruchtfleisch befreit, die Bohnen werden weiterverarbeitet und aus dem restlichen Fruchtfleisch wird je nach Region Kompost, Dünger, ein eigenes Produkt – oder schlicht etwas, für das lange kaum ein Markt vorhanden war.
Dabei kann man Cascara aufgießen wie Tee. Der Geschmack hat erstaunlich wenig mit einer Tasse Kaffee zu tun. Er ist fruchtig, leicht herb und erinnert je nach Cascara eher an Hagebutte, Trockenfrüchte oder schwarzen Tee. Und weil die Kaffeekirsche von derselben Pflanze stammt wie die Bohne, enthält auch sie von Natur aus Koffein.
Spätestens da wurde es für uns interessant.
2022 ging plötzlich etwas, das vorher nicht ging.
Cascara wird in einigen Kaffeeanbauländern schon lange als Aufguss verwendet. In der Europäischen Union war die getrocknete Pulpe der Kaffeekirsche lebensmittelrechtlich trotzdem lange nicht allgemein als Lebensmittel zugelassen. Anfang 2022 änderte sich das: Die EU genehmigte Cascara und den daraus hergestellten Aufguss als traditionelles Lebensmittel aus einem Drittland.
Für uns war das einer dieser seltenen Momente, in denen eine neue rechtliche Möglichkeit ziemlich genau zu einer Produktidee passt.
Wenn natürliches Koffein bereits in einer aromatischen Pflanze steckt, warum daraus nicht ein Energy-Getränk machen?
Unser Energy schmeckt deshalb nicht nach „Energy“
Das war für mich einer der spannendsten Punkte bei der Entwicklung. Der typische Energy-Drink hat inzwischen fast einen eigenen Geschmack – obwohl „Energy“ natürlich gar keine Geschmacksrichtung ist.
Wir wollten genau das nicht nachbauen.
Bei unserem Sirup kommt das Koffein aus der Kaffeekirsche. Dazu kommen Ingwer, Kardamom und Zitrone. Der Cascara-Auszug bringt seine fruchtig-herbe Grundlage mit, Ingwer etwas Schärfe, Kardamom Würze und die Zitrone die nötige Frische. Mit kaltem Soda entsteht daraus ein Getränk, das Energie liefert, aber geschmacklich seinen eigenen Weg geht.
Keine Bohne und trotzdem Kaffee
Das finde ich an Cascara bis heute am schönsten. Wir verwenden einen Teil der Kaffeepflanze, den viele Menschen noch nie bewusst gesehen oder probiert haben, obwohl sie jeden Morgen Kaffee trinken.
Die Bohne bekommt seit Jahrhunderten fast die gesamte Aufmerksamkeit. Herkunft, Röstung, Mahlgrad, Zubereitung – über alles wird diskutiert. Daneben hängt an derselben Pflanze eine Frucht, deren Geschmack völlig anders ist und die ebenfalls Koffein mitbringt.
Manchmal muss man nur genauer hinsehen.
Ist Cascara automatisch nachhaltig?
Ganz so einfach ist es nicht. Nur weil etwas früher wenig genutzt wurde, wird daraus nicht automatisch ein nachhaltiges Produkt. Entscheidend ist auch, wie es verarbeitet, transportiert und gehandelt wird und ob die zusätzliche Wertschöpfung tatsächlich bei den Produzenten ankommt.
Der Grundgedanke gefällt mir trotzdem: Von einer Frucht nicht nur die Kerne interessant zu finden, sondern mehr von dem zu nutzen, was ohnehin da ist. Wenn Cascara einen eigenen wirtschaftlichen Wert bekommt, kann aus einem wenig beachteten Teil der Kaffeeernte ein zusätzliches Produkt werden.
Und ganz nebenbei schmeckt es auch noch gut.
Vom Kaffeeabfall zum Energy-Sirup
Aus heutiger Sicht klingt die Kombination ziemlich logisch: Kaffeekirsche, natürlich vorhandenes Koffein, ein fruchtig-herber Geschmack und dazu Gewürze, die daraus ein eigenständiges Getränk machen.
2022 war Cascara in Europa dagegen noch so neu, dass wir unseren Energy-Sirup kurz nach der EU-Zulassung überhaupt erst umsetzen konnten. Genau solche Zutaten finde ich für green sheep spannend. Nicht, weil sie exotisch klingen, sondern weil hinter ihnen eine Geschichte steckt, die man tatsächlich erzählen kann.
Und falls beim nächsten Kaffee jemand behauptet, das Interessanteste an der Kaffeekirsche sei die Bohne:
Ich würde zumindest einmal Cascara probieren, bevor ich das unterschreibe.
Passend zur Geschichte
Direkt aus dem Artikel heraus weiterdenken: diese green sheep Sorte passt inhaltlich dazu.